"Ist das wirklich utopisch?", 10.11.2018 - Nachlese

 1000831 lresSo spät sind wir noch nie zum Ende gekommen! Der 7. Themenabend mit der Frage: „Ist das wirklich utopisch?“ brachte mit unseren Gästen Prof. Dr. Nicole Pohl, Utopieforscherin, und Ruprecht Günther, Romanautor, viele hochaktuelle und brennende Fragen unserer Zeit in den Raum. Während der Beiträge, aber auch in der Pause wurde intensiv im Publikum diskutiert. Nicole Pohl, die auch Protestliteratur unterrichtet, stellte Impulse aus ihrer Arbeit vor: Aktuell herrscht eine Krise des utopischen Denkens, das jedoch gerade für die Gestaltung unserer Zukunft unbedingt gebraucht wird. Besonders junge Menschen reagieren engagiert darauf, so die Wissenschaftlerin. Und aus dem Publikum meldete sich sogleich eine junge Frau zu Wort und brachte sich ein. Wie kann ein Blickwechsel, den Utopien anregen wollen, gelingen? Nach Prof. Pohl sollten Utopien sich unbedingt auf die ganzheitliche Ökologie richten und sogar den Kosmos auch einmal ohne Menschen, als reinen Kosmos der Natur, konstruieren. Das Konzept der Mitgeschöpflichkeit, also Lebewesen unterschiedslos als lebendige Natur zu sehen, stieß auch bei den Zuhörenden auf großes Interesse. Dinge radikal in Frage zu stellen ist auch von Grünen-Chef Habeck als Mittel der Wahl für die radikalen Probleme unserer Zeit angeregt worden: In der litbox2 fand dies statt. Dem Publikum ging es trotzdem nicht immer weit genug. Wir treten schon viel zu lange auf der Stelle, wurde festgestellt. Ob Utopien hieran rütteln können, muss sich noch zeigen – möglich wäre es.

Nach der Pause stellt Autor Ruprecht Günther seinen Roman „Die Lüchsin“ vor. Günther bezieht sich darin auf Platons Höhlengleichnis, nachdem der Mensch sinnbildlich in einer Höhle eingeschlossen ist und von der Welt draußen nichts weiß. Die Zusammenhänge, die tieferen Bezüge begreifen kann nur, wer dieser Höhle entkommt und im Freien auch sein Bewusstsein befreit. Die Hauptfigur seines Romans, Solon, ist eine Person, die davon überzeugt ist, dieses höhere Bewusstsein der Welt, der Gesellschaft und des Lebens erreicht zu haben. Radikal setzt er seine Ideen einer besseren Welt um. Was im Guten gedacht ist, wird im Bösen verwirklicht. Sinnbild dieses Vorgehens ist die fantastische Figur der Lüchsin, halb Mädchen, halb Lüchsin, die von Solon in einem unterirdischen Labor erschaffen wurde. In ihr zeigt Ruprecht die Zwiespältigkeit sowie Faszination der Erschaffung des Lebens, des – genetisch oder wie auch immer gearteten -  Schöpfungsakts. Letztendlich, so Ruprecht, ist die Lüchsin sozusagen „… die fleischgewordene Metapher des Höhlengleichnisses:  Sie strebt aus tiefer Dunkelheit ans Licht, ist hin- und hergerissen zwischen ihren archaischen Trieben und dem Wunsch, ein Mensch zu sein – und damit ist sie genauso menschlich wie wir alles, mehr noch, sie ist ein Sinnbild, eine Metapher für unser Menschsein.“

Autoren und Gäste waren sich abschließend einig, dass Utopien immer eine Zukunft sind, an der wir uns ausrichten können, um die Gegenwart zu verbessern. Das Ringen um das „bessere Leben“ ist ein nie endend wollender Prozess.

Back to top