BITTER-SÜß BIS ZUR BESINNUNG, 8.12.2018 - Nachlese

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Fröhliche, bitter-süße oder gar keine Weihnachtszeit? Das wollte die litbox2 mit zwei unterschiedlichen Geschichten und unserem Publikum zusammen beleuchten. Vor gut besetzten Reihen kam im KIM-Kino zuerst eine sehr berührende Geschichte zu Gehör. 

Heike Stuckert, Schauspielerin und Kulturmanagerin, erzählte von einer Mutter, die ihrer Tochter ein besonders schönes Weihnachten machen will. Sie trägt eine große Bürde: das tote, zweite Kind, zu betrauern. Wie Teresa diesen Verlust bewältigt, ist außergewöhnlich. Ein traditionelles Weihnachtslied, „Oh, Du Fröhliche“, hilft ihr dabei, die eigenen Empfindungen zu explorieren. Der Blick zurück ins Krankenhaus und auf das Sterben ihres Babys – dieser Stoff wurde in höchstem Maß berührend vorgelesen. Ist das eine Geschichte, die zu Weihnachten passt? Das Publikum stimmte weitgehend zu, denn es zeigt, dass das Fest der Liebe auch die nicht vergessen darf, deren Leben bittere Momente durchlaufen. Am Ende gelang es den verwaisten Eltern, dem Hieb des Schicksals einen neuen Blick abzugewinnen: Sie sehen, dass auch andere ihr Baby verloren haben. Dieser Trost ebnet ihnen den Weg zurück in ihre Welt. 

Heike Stuckerts Sprache ist klar und eindringlich, manchmal schonungslos genau, wenn sie den Klinikalltag und den Tod des Kindes schildert. Das löst Emotionen aus, die ihr Thema sehr lebendig werden lassen. „Mir ist wichtig zu zeigen, dass Trauer etwas ganz Individuelles ist, und ich wollte das Tabuthema Tod eines Kindes sichtbar machen“, sagte die Autorin. 

Lesetipp: Im Band „zurückdenken – vorwärtsfühlen, Prosa und Lyrik“, 2018 Pegasus Verein für kreatives Schreiben e.V., wurden zwei Geschichten von Heike Stuckert veröffentlicht. 

Nach der Pause stellte Susanne Grohs v. Reichenbach ihre Erzählung „Zurück an Land“ vor. In dieser geht die verheiratete Simone eine Affäre mit ihrem Schwager ein. Als sie nach einiger Zeit merkt, dass sie wieder „zurück zu ihrem Mann“ will, lässt sie ihr Handy mit einer Nachricht des (in der Nachricht namenlosen) Liebhabers offen sichtbar liegen. Anders als erwartet, stellt ihr Mann sie nicht zur Rede, braust nicht auf, verlangt nicht, dass sie sich entscheidet. Seine Liebe, so begreift sie schließlich, ist umso größer, als er wartet, bis sie voll und ganz aus freien Stücken und innerer Sehnsucht zu ihm zurückkommt. Die berührende Erzählung griff klug das Sich-und-den-anderen-Suchen, das Sich-finden, Sich-sehen auf. Liebe, wird deutlich, ist viel mehr als Verlangen, es ist in den schwierigen Phasen einer Beziehung auch Demut und Vertrauen. Das Thema des Abends, Besinnung, fand in dieser Geschichte somit eine besondere Note. „Man solle nach einem Schlag auf die eine Wange zwar nicht gleich die andere hinhalten, aber ich bin vielleicht ein wenig vom Dalai Lama infiziert, dessen Maßstab die Empathie ist“, positionierte sich die Autorin zum Kern ihrer Geschichte.
Ob sie auch in 2019 einmal Gast der litbox2 sein würde? Hier dürfen wir uns dann auf ihren neuen Roman freuen, der das Thema „Digitalisierung“ in den Mittelpunkt stellt und was dies für die Protagonisten und tatsächlich für uns alle bedeutet.

Wir, die Veranstalter der litbox2, Susanne Grohs v. Reichenbach und Franz Westner, sagen allen Gästen sowie allen Autorinnen und Autoren des Jahres 2018 herzlichen Dank für Ihr Kommen.

Weiter geht’s mit der litbox2 am 9. Februar (im Januar findet keine Veranstaltung statt).
SGvR, FW

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