Nachlese: „Briefe“- 9. Themenabend in der litbox2

Nachlese: „Briefe“- 9. Themenabend in der litbox2

img X 1010689„… das Interesse am Brief steigt!“ Nicht nur Veit Didzuneit, Leiter der Abteilung für Sammlungen am Museum für Kommunikation in Berlin, stellt dies – am Beispiel von Feldpostsammlungen – fest, sondern auch die litbox2. Marie-Sophie Michel und Thomas Hartwig waren Gast der Auftaktveranstaltung 2019.

Der ganz persönliche Blick, die unverstellte Intimität von Briefen war bei beiden Autoren unmittelbar zu spüren. Marie-Sophie Michel eröffnete den Abend mit der Novelle „Dreißig Briefen an den Sommer“. Die Briefe richten sich an ihren verstorbenen Mann, der bei einem Unfall ums Leben kam. „Die Briefe waren anfangs eine Art Ritual für den SZ-Gedenkblog“, sagt die Autorin, und halfen, mit der Trauer fertig zu werden. Aus dem Ritual wurde Literatur. Der wesentliche Teil der Novelle spielt in Italien, wo Lena zum ersten Mal ohne Karl ihren Urlaub in der Sommervilla Aurelia verbringt. Mit den Briefen kehren Erinnerungen zurück, die Liebe zwischen Lena und Karl wird sichtbar, die Trauer über den Umstand, nun alleine an diesem wunderbaren Ort zu sein. „Ich glaube, in den Briefen konnte ich meine Liebe gestehen, etwas, was ich zu Lebzeiten nicht sagen konnte aus Angst, es könnte kitschig klingen.“ (Marie-Sophie Michel). Keine Sorge, auch in diesen traurig-poetisch nachgeschobenen Liebesbriefen ist von Kitsch nichts zu spüren gewesen.

Briefe als Zeitdokument stellte im zweiten Teil des Abends der Berliner Autor und Filmemacher Thomas Hartwig (Die Armenierin) vor. Seit 1987 wertet er die Briefe Armin T. Wegners, des Zeitzeugen des Genozids an den Armeniern, und Lola Landau, der deutsch-jüdischen Lyrikerin aus. Etwa 1.500 Briefe existieren in Wegners Nachlass. Die Briefe zeigen den flirrend euphorischen Wegner am Beginn dieser Liebe, die aber schnell auch erste nachdenkliche Töne in Lola Landaus Schreiben zeigen. Fast 20 Jahre hielt die Ehe. Hartwig erzählte mit enormem Detailwissen aus dem Leben der beiden Autoren, von der Scheidung Lola Landaus für Wegner, die mit ihrem ersten Ehemann zwei kleine Kinder hatte – zur damaligen Zeit ein Skandal, von Wegners Erlebnissen bei der Vertreibung der Armenier, seinem Streben als Künstler, seiner Hinwendung an Frauen, welche für die Ehe mit Lola Landau eine schwärende Wunde waren. „Und dabei ist alles Wahnsinn. Ich wäre noch heute imstande, Dich zu lieben und für und mit Dir zu leben, wenn ich sehen würde, dass auch Du es wirklich und ernsthaft willst.“, schreibt Lola Landau. Und Wegner: „Ich glaube, wir alle sind unser ganzes Leben lang von keinem andern Wunsche erfüllt, als uns selbst zu zerstören.“

Eine kleine Überraschung blieb noch für die Gäste zu erledigen. Die litbox2 stellte Briefe zur Verfügung, die von den Besuchern beschrieben und adressiert werden konnten. Die „literarischen Grüßen aus der litbox2“ gehen am Montag auf Kosten der litbox2 auf die Reise.

 

Back to top